Warum Wandern und Lernen verbinden?

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…eine persönliche Erfahrungsgeschichte.

Als ich 2013 einige Wochen beim Funkenfluglauf mit Schülern quer durch Deutschland nach Berlin wanderte und an Schulen Wünsche von Schülern und Lehrern für ein besseres Bildungssystem sammelte, löste diese Zeit eine Welle der Begeisterung aus. Nie hatte ich in so kurzer Zeit so viel gelernt. Es war, als würden all die Dinge und Erfahrungen, die ich bisher in Schule und Uni vermisst hatte, die ich aber für wesentliche Bestandteile einer guten Bildung hielt, hier in konzentrierter Form vorkommen. Da waren z.B. das intensive Zusammenleben in einer Gruppe, die eine gemeinsame Aufgabe hat und wo darum ständige Kooperation, Achtsamkeit und Kompromissbereitschaft gefordert ist, das intensive “in Kontakt kommen” mit dem Land und den Menschen und ein Gespür für die Bedürfnisse und Wünsche der Menschen zu entwickeln. Da ist das Vertrauen jeden Abend eine Übernachtungsmöglichkeit zu bekommen, die Erfahrung auf Hilfe angewiesen zu sein und die Erfahrung, dass es für viele ein Geschenk ist, helfen zu können. Da ist die Erfahrung sich nicht mit ausgedachten Aufgaben zu beschäftigen, sondern sich einzusetzten, für das, was einem wichtig ist und Menschen Hoffnung zu geben.

Da ist Lernen verbunden mit täglicher Bewegung und die absolute Beschränkung auf das Nötigste. Nur so schnell voran zu kommen, wie meine Füße mich tragen, nur zu besitzen, was in meinen Rucksack passt und jeden Morgen aufzustehen, ohne zu wissen, wo ich am Abend schlafen würde, dieses Leben schien der komplette Gegenentwurf zum “normalen” Leben zu sein. Und genau deswegen, ist es vielleicht das beste Heilmittel.

Hier war kein ständiges Abgelenkt sein, keine Verabredungen und Termine, das war kein Warten mehr, darauf, dass das Leben endlich anfängt, das war echtes Leben, so wie es sein sollte: Sinnvolles gemeinsames Tätigsein, im Hier und Jetzt.

Ich fragte mich, ob man diese Form des Wanderns nicht viel stärker als Heil- und Therapieform nutzen könnte. Was wohl passiert wäre, wenn Freud seine Patienten nicht auch die Couch gelegt hätte, sondern mit Ihnen wandern gegangen wäre? Und noch viel besser: Ob nicht in einer Zeit, in der die häufigste Krankheit, längst nicht mehr das individuelle Leiden an einer (sexuell-frühkindlich bedingten) Neurose ist, sondern viel mehr das allgemeine Leiden, an einer festgefahrenen, nach absurd gewordenen Zielen strebenden, Gesellschaft. Könnte Wandern hier nicht Teil einer Lösung sein? Weniger als Therapieform, um kranke Menschen zu Heilen, sondern viel mehr als Element einer neuen Pädagogik, um Menschen so zu bilden, dass eine Gesellschaft entsteht, die weniger Menschen krank macht.

Als wir in Berlin ankamen, wollten wir alle am liebsten gar nicht stehen bleiben, sondern weiter wandern. Wäre es möglich, länger als nur ein paar Wochen so zu leben? Wäre es vielleicht sogar möglich, alles, was wir in Zukunft lernen und tun wollten, aufs wandern zu übertragen? Könnte man eine Wanderschule oder sogar eine Wanderuniversität gründen?

Aus diesen Fragen entwickelten sich eine Vielzahl von Träumereien und Ideen.

Könnte es in Zukunft eine Vielzahl unterschiedlichster Formen geben, um Wandern und Lernen zu verbinden?

So könnten zum Beispiel ein Wanderjahr Teil des Lehramtsstudiums oder des Referendariats werden, um die Persönlichkeitsentwicklung der angehenden Lehrer zu fördern und ihnen die Möglichkeit zu geben an unterschiedlichsten Schulen Erfahrungen zu sammeln. Oder noch besser: Lehramtsstudenten könnten gemeinsam mit einigen älteren Schülern für jeweils einen Sommer kleine Wanderschulen bilden, in denen sie voneinander lernten. Sie könnten staatliche und alternative Schulen besuchen und interessante Projekte und Erfahrungen und Ideen weitertragen. Sie könnten sich mit all den Themen beschäftigen, die sie wirklich wichtig finden und z.B. auch durchs Ausland wandern, um die Sprache und auch andere Kulturen kennen zu lernen. Es gab viele Überlegungen, wie man das Wandern institutionell einbinden könnte. Als Praxissemster für Lehramtsstudenten oder als eine Art “Auslandsjahr im Inland” für Schüler.

Und tatsächlich gab es einen ersten Schritt zur Verwirklichung: An einigen Unis wurde der Funkenfluglauf 2014 als offizielles Seminar für Lehramtsstudenten angeboten.

Viele träumten auch von einer radikalen Form des Wanderstudiums, in dem sie ganz ohne institutionell gebunden zu sein, sich mit ihren Themen beschäftigen konnten und interessante Menschen und Orte besuchen konnten. Und wir schienen mit diesen Träumen nicht allein, denn schon während bei uns die ersten Ideen eines solchen Studiums sprossen, hatte eine Gruppe, die sich “Classroom Alive” nennt, zu Fuß auf den Weg von Schweden nach Athen gemacht, um währenddessen ihre individuellen Themen zu studieren und die uns sehr positiv von ihren Erfahrungen berichteten.

Wir erträumten uns das Bild einer bewegten Gesellschaft, mit Übernachtungsräumen für Wanderschüler in jeder Schule. Eine Gesellschaft in der Erfahrungen, Erlebnisse, Ideen in persönlichen Gesprächen weitergetragen werden und der intensiver zwischenmenschliche Austausch die Massenmedien ersetzt.

So kam es, dass wir uns nach dem zweiten Funkenfluglauf im September 2014 trafen, um all die Ideen zusammen zu tragen und zu bündeln.

Bei all den unterschiedlichen Vorstellungen und Bedürfnissen entstand die Idee ein Netzwerk für alle Formen von Wanderlernen zu bilden, in dem wir gemeinsam unsere Vorstellungen verwirklichen, die gemachten Erfahrungen zusammentragen und zukünftigen Wanderschülern und Studenten helfen ihre Vorstellungen umzusetzen. Das war die Geburtsstunde der Wanderuni.